In i dimman
Ursprünglich hätts ja ganz woanders hingehn sollen. Wenns Wetter anders gewesen wär, wären der Houns, der Chri und ich um die Zeit, zu der ich am Samstag in Mixnitz (heisst wirklich so!) ankommen bin, schon am Großvenediger rumturnt. Aber weil dort der Winter schon einzogen war, haben wir das absagen müssen.
Stattdessen hab ich mich am Samstag um elf mit dem Houns in Mixnitz getroffen, um im Grazer Bergland eine Mehrseillängentour zu gehen. Wetter war recht diesig mit Hochnebel, aber trocken, also haben wir uns gedacht: wird schon halten und das bissl Kälte war ja noch nie a Problem.
Ich lass also meinen Wagen im Ort stehn, pack meine Sachen ins Auto vom Houns und weiter geht’s, eine rumplige Fortstraße rauf bis zu einem Parkplatz. Zwischendurch fallt mir ein, dass mein Handy und des Geldbörsel im Auto geblieben sind. Aber wir denken uns, Handy brauch ich eh net weil der Houns hat eh seins mit, und Geld ist am Berg sowieso Luxus. Dasselbe Urteil fällen wir auch über unsere Uhren, die wir im Auto lassen. Wegen Zerkratzen und so, aber auch damit wir ein wenig mehr Abstand von Zeitdruck, Stress und Zivilisation bekommen.
Also nach einer Stunde Zufahrt und –stieg haben wir den Einstieg in die Michelangelo Route (6-) erreicht. Der Houns lässt seinen Rucksack lieber beim Einstieg, wegen Gewichtersparnis, aber ich nehm meinen mit, ich bin eh so ein schwerer Lackl, da kommts auf die ein, zwei Kilo mehr auch net an.
Na gut, ich geh gleich die erste Seillänge, eine 5er, im Vorstieg. Ist gut zum Aufwärmen, weil ich in diesem Jahr noch recht wenig Seilklettern war, und die letzte Mehrseillängentour überhaupt schon mehr als ein Jahr her ist. Apropos aufwärmen: uns beiden ist gleich aufgefallen, dass der Fels halt schon verdammt kalt ist, und das Gefühl beim Klettern a bissl fehlt. Aber das sollte sich dann nach ein paar Seillängen legen.
Beim ersten Stand wechseln wir uns ab, Houns übernimmt die Führung und somit den Vorstieg über eine lange Querung mit anschließendem Kamin. Beim Nachstieg denk ich mir schon, gut dass der Houns so gut drauf ist, weil ich hätt mir bei dem Teil im Vorstieg schon a bissl schwerer getan.
Aber die Kletterei ist echt super. Spitzen Fels, teilweise feine Risskletterei, abgewechselt durch griffige Löcher und Sanduhren, ein Traum. Durch die Kälte hält der Gummi der Kletterschuhe etwas schlecht, aber man gewöhnt sich dran und klettert deswegen technisch sauberer. Die Absicherungen sind wirklich top, bei den schwereren Passagen sind in angenehm engen Abständen Bohrhaken angebracht, und dort wo’s net so haarig ist, habens etwas mehr Platz zwischen den Haken gelassen. Sehr schön das Ganze.
Beim Sichern fällt mir immer wieder auf, dass wir mitten im Hochnebel stecken, was uns leider jegliche Aussicht verwehrt, obwohl wir mitten in der Wand weit über den Baumwipfeln hängen. Schade drum, das Murtal und die Bärenschutzklamm hätt ich doch gern von oben gesehn. Na egal, denk ich mir, ich komm schon noch mal zurück!
Nach insgesamt acht feinen Seillängen kommen wir bei der letzten Querung an, wo die Michelangelo die schwerere Jägersteig (mit 7+ bewertet) kreuzt. Houns is on fire und möchte die letzten Passagen des Jägersteig, alles im Bereich 6 bis 7+ bewertet, gehen. Ich lass mich net lang überreden, nachdem er ja eh den Vorstieg machen will, hab ich keine Sorgen dass ich net nachkomm.
Ein paar knifflige Versuche brauchts, bis der Houns sich auf die erhöhte Schwierigkeit einstellt, aber dann kraxelt er über die harten Passagen mit bemerkenswerter Sicherheit und Routine. Er macht bald einen Zwischenstand und ich soll nachkommen. Ich versuch mal glaub ich fünf Minuten lang, überhaupt von meinem Standplatz wegzukommen, weil die ersten zwei Züge schon gscheit Gas geben. Aber um ehrlich zu sein, ich hab keinen Griff gefunden, den ich derhalten hätt, also hab ich mich am Seil über die erste Hürde gezogen. Geht zwar verdammt ins Schmalz, aber wofür mach ich die Klimmzüge sonst jeden Morgen?
Wie ich so mit Müh und Not zum Houns aufschließ, wächst in mir wieder mal die Anerkennung seiner Leistung. War echt ein feines Stück Vorstiegklettern, was er da hingelegt hat, und es war ja noch net vorbei. Vom Stand übernimmt er wieder den Vorstieg und knackt noch eine letzte 7+ Passage, bevor er ganz oben ankommt. Ich hieve meinen Kadaver noch hinterher, und dann stehn wir beide oben und genießen die Aussicht in den trüben Nebel. Hat sich nix geändert während der ganzen Kletterei.
Wir packen unsere Sachen zusammen und beginnen mit dem Abstieg. Wir überlegen nichtmal, ob wir über die Route abseilen sollen, da es eh einen Wanderweg gibt, der wieder nach unten zum Einstieg führt. Also joggen wir los, halten uns bei den diversen Abzweigungen immer rechts, da wir vermuten dass wir so in einem Bogen zum Wandfuß zurückkommen werden. Im Nebel schaut halt alles irgendwie gleich und trotzdem neu aus. Nach einiger Zeit – ohne Uhren wissen wirs nicht so genau – kommen wir aus dem Wald auf eine Wiese. Jetzt werden wir stutzig, weil das war net so geplant, dass wir eine Wiese kreuzen sollen. Mitten durch die Wiese führt ein Schotterweg, und eine Orientierungstafel gibt’s auch. Super, denk ich mir, jetzt wissen wir fix wo wir sind. Aber die Tafel zeigt uns nur den Weg nach Mixnitz, wo wir ja nichts verloren haben, weil wir zum Rucksack vom Houns müssen. Und der liegt ja beim Einstieg der Kletterroute, am Wandboden. Dort ist nämlich sein Handy und sein Autoschlüssel drin. Ich sag noch: na ja dann gemma halt nach Mixnitz und wir fahren mit meinem Auto zu deinem, und gehen von dort zu Fuß. Aber mitten im Satz fällt mir schon ein, dass ich meinen Schlüssel im Auto vom Houns gelassen hab. Tolle Idee!
Also folgen wir mal dem Schotterweg, der uns zielgenau zu einer Umkehrstelle für Forstfahrzeuge, mit anschließender Felsklippe, führt. Dead end. Wir gehen weiter durch den Wald, und behalten die Richtung vom Schotterweg mehr oder weniger bei, die fühlt sich irgendwie richtig an. Das geht gut bis wir an der Kante der nächsten Felsklippe stehn. Aber wir wollen runter, weil wir das Gefühl nicht loswerden, dass uns die Zeit sonst knapp werden könnte. Also legen wir das Seil um einen Baum und seilen uns über die Klippe ab. Ich mach das lehrbuchmäßig mit Prusikknoten, was im Endeffekt supermühsam und komplett unnötig ist, weil sich der Knoten ständig ums Seil dreht und nicht bremst sondern blockiert. Ausserdem ist die Bremswirkung vom Tuber auch ohne Prusik ausreichend.
Es folgen noch zwei weitere Abseilpassagen (die ohne Prusik viel mehr Abseilspaß bieten) und unbekannte Zeit durch-den-Wald-rennen, bis wir endlich eine Forststraße erreichen. Diesmal erraten wir die richtige Richtung, und nach der ersten Kehre sehen wir unten im Tal – die Sicht hier herunten ist zum Glück besser als oben – ein paar Häuser, die zu Mixnitz gehören. Na fein, jetzt müssen wir nur mehr runterkommen. Dann werden wir beim ersten Haus anläuten und die bitten, dass sie uns zum Auto vom Houns bringen, und von dort gehen wir zum Rucksack und dann hamma alles wieder beinand. Eine Taschenlampe sollten wir uns auch noch ausborgen.
Gesagt getan, mit Anbruch der Dämmerung sitzen wir im Auto von einem sehr freundlichen und ebenso schweigsamen Herren, der uns zum Parkplatz im Wald chauffiert. Unsere Klettersachen und meinen Rucksack lassen wir bei ihm im Hof. Beim Parkplatz packen wir seine nagelneue Taschenlampe aus, bei der allerdings die mitgelieferten Batterien sofort hinüber sind. Also ohne Licht da rauf? Es ist schon ziemlich düster, also können wir den Herrn überreden, dass er uns noch weiter führt, bis wir den Fußweg erreichen, der vom Forstweg abzweigt. Im Halbfinstern verpassen wir den Fußweg zuerst und fahren zu weit. Der Forstweg wird immer ruckeliger, die Bodenplatte des Autos kriegt immer wieder Steinbrocken ab, und uns wird schon a bissl mulmig. Bei einem Wendeplatz ist wieder mal Sackgasse, wir wollen umdrehn. Plötzlich fährt unser Chauffeur im hohen Gras auf einen fetten Felsbrocken, sodass gar nichts mehr geht. Wir steigen aus und schaun uns den Schlamassel an, und Houns und ich denken uns, jetzt wird er uns beide hamdrahn. Oder zumindest ein leises „Scheisse“ wird sich über seine Lippen schleichen. Aber nichts dergleichen, er sagt „Na dann hemma hoit des Auto hoch“, packt an, und schon ist der Felsbrocken kein Thema mehr. Selbst dass die Schürze verbogen ist, scheint ihn nicht weiter zu stören – ich mein der Wagen war eh mindestens 15 Jahre alt, aber trotzdem...
Beim Zurückfahren finden wir endlich den Fußweg und verabschieden uns, nicht ohne uns herzlich zu bedanken und uns für die Unannehmlichkeiten zu entschuldigen. Er sagt, passt scho, und nimmt auch das Angebot vom Houns, den Schaden über die Versicherung zu klären, nicht an. Ein Wahnsinn der Typ, von mir kriegt er sicher mal einen Orden!
Weiter geht’s, mittlerweile ist es mehr als nur halbdunkel. Meine Kondition lässt mich immer mehr im Stich, während Houns den Berg raufjoggt, kann ich nur mehr im Schnell-Geh-Modus hinterherschurln. Bei einer Kreuzung warten wir zusammen und beschließen, dass Houns allein weitergeht, damit wir nicht noch mehr Zeit verlieren. Ich bin einverstanden, sehe die Sinnlosigkeit eines Widerspruchs aus falschem Stolz. Ausserdem taugt mir die Vorstellung, dass ich jetzt ohne Uhr, ohne Licht und völlig allein im Wald sitz und Zeit zum Denken hab. Als erstes denk ich natürlich nach, was wir alles falsch gemacht haben: kein Handy, keine Uhr, keine Autoschlüssel, keine Stirnlampen. Diese vier Faktoren haben uns heut in diese Situation gebracht. Natürlich wäre eine GPS Ausrüstung in diesem Nebel auch von Vorteil gewesen, aber das wäre doch übertrieben. Ich mach mir kurz Sorgen, weil mein Mädl zuhause keine Ahnung hat, was mit uns los ist, und mich sicher schon angerufen hat. Eigentlich wollte ich um sechs in Wien sein, und laut der Uhr im Auto unseres Helfers muss es jetzt ca. halb sieben sein. Ich versuche ihr telepathisch zu übermitteln, dass es mir gut geht, bekomme aber keine Empfangsbestätigung. Dann fällt mir noch ein, dass die letzte falsche Entscheidung die war, meinen Rucksack nicht mitzunehmen. Dort wären meine Clint Eastwood Style Überall-Zünder drin gewesen, damit hätten wir uns Fackeln machen können, wenn wir schon keine Lampen haben. Also ein weiterer Punkt auf meiner Liste der Don’ts für zukünftige Abenteuer, die eigentlich keine werden sollten...
Irgendwann hör ich den Houns rufen, und er kommt erfolgreich von der Rucksack Rückholaktion zurück. Bei ihm wars auch lustig, im Finstern durch den Wald rennen hatte schon was für sich. Er hat einen Typen getroffen, der auch seinen Rucksack geholt hat, und eigentlich bei mir vorbeikommen hätte müssen. Aber ich bin direkt am Weg gesessen und hab niemanden gesehen. Ziemlich mysteriös das Ganze. Aber wichtig ist, dass wir jetzt wieder Alles beisammen haben. Nach ein paar Minuten sind wir wieder am Forstweg und stapfen in mittlerweile völliger Finsternis in Richtung Auto. Houns bekommt für seinen Alleingang von mir den Titel „Teufelskerl“ und die Tapferkeitsmedaille sowieso. Wir kommen überein, dass wir beide mit unseren Orientierungskünsten keine guten Indianer gewesen wären, und freuen uns über das unerwartete und doch geniale Abenteuer, das uns dieser Tag beschert hat.
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Stattdessen hab ich mich am Samstag um elf mit dem Houns in Mixnitz getroffen, um im Grazer Bergland eine Mehrseillängentour zu gehen. Wetter war recht diesig mit Hochnebel, aber trocken, also haben wir uns gedacht: wird schon halten und das bissl Kälte war ja noch nie a Problem.
Ich lass also meinen Wagen im Ort stehn, pack meine Sachen ins Auto vom Houns und weiter geht’s, eine rumplige Fortstraße rauf bis zu einem Parkplatz. Zwischendurch fallt mir ein, dass mein Handy und des Geldbörsel im Auto geblieben sind. Aber wir denken uns, Handy brauch ich eh net weil der Houns hat eh seins mit, und Geld ist am Berg sowieso Luxus. Dasselbe Urteil fällen wir auch über unsere Uhren, die wir im Auto lassen. Wegen Zerkratzen und so, aber auch damit wir ein wenig mehr Abstand von Zeitdruck, Stress und Zivilisation bekommen.
Also nach einer Stunde Zufahrt und –stieg haben wir den Einstieg in die Michelangelo Route (6-) erreicht. Der Houns lässt seinen Rucksack lieber beim Einstieg, wegen Gewichtersparnis, aber ich nehm meinen mit, ich bin eh so ein schwerer Lackl, da kommts auf die ein, zwei Kilo mehr auch net an.
Na gut, ich geh gleich die erste Seillänge, eine 5er, im Vorstieg. Ist gut zum Aufwärmen, weil ich in diesem Jahr noch recht wenig Seilklettern war, und die letzte Mehrseillängentour überhaupt schon mehr als ein Jahr her ist. Apropos aufwärmen: uns beiden ist gleich aufgefallen, dass der Fels halt schon verdammt kalt ist, und das Gefühl beim Klettern a bissl fehlt. Aber das sollte sich dann nach ein paar Seillängen legen.
Beim ersten Stand wechseln wir uns ab, Houns übernimmt die Führung und somit den Vorstieg über eine lange Querung mit anschließendem Kamin. Beim Nachstieg denk ich mir schon, gut dass der Houns so gut drauf ist, weil ich hätt mir bei dem Teil im Vorstieg schon a bissl schwerer getan.
Aber die Kletterei ist echt super. Spitzen Fels, teilweise feine Risskletterei, abgewechselt durch griffige Löcher und Sanduhren, ein Traum. Durch die Kälte hält der Gummi der Kletterschuhe etwas schlecht, aber man gewöhnt sich dran und klettert deswegen technisch sauberer. Die Absicherungen sind wirklich top, bei den schwereren Passagen sind in angenehm engen Abständen Bohrhaken angebracht, und dort wo’s net so haarig ist, habens etwas mehr Platz zwischen den Haken gelassen. Sehr schön das Ganze.
Beim Sichern fällt mir immer wieder auf, dass wir mitten im Hochnebel stecken, was uns leider jegliche Aussicht verwehrt, obwohl wir mitten in der Wand weit über den Baumwipfeln hängen. Schade drum, das Murtal und die Bärenschutzklamm hätt ich doch gern von oben gesehn. Na egal, denk ich mir, ich komm schon noch mal zurück!
Nach insgesamt acht feinen Seillängen kommen wir bei der letzten Querung an, wo die Michelangelo die schwerere Jägersteig (mit 7+ bewertet) kreuzt. Houns is on fire und möchte die letzten Passagen des Jägersteig, alles im Bereich 6 bis 7+ bewertet, gehen. Ich lass mich net lang überreden, nachdem er ja eh den Vorstieg machen will, hab ich keine Sorgen dass ich net nachkomm.
Ein paar knifflige Versuche brauchts, bis der Houns sich auf die erhöhte Schwierigkeit einstellt, aber dann kraxelt er über die harten Passagen mit bemerkenswerter Sicherheit und Routine. Er macht bald einen Zwischenstand und ich soll nachkommen. Ich versuch mal glaub ich fünf Minuten lang, überhaupt von meinem Standplatz wegzukommen, weil die ersten zwei Züge schon gscheit Gas geben. Aber um ehrlich zu sein, ich hab keinen Griff gefunden, den ich derhalten hätt, also hab ich mich am Seil über die erste Hürde gezogen. Geht zwar verdammt ins Schmalz, aber wofür mach ich die Klimmzüge sonst jeden Morgen?
Wie ich so mit Müh und Not zum Houns aufschließ, wächst in mir wieder mal die Anerkennung seiner Leistung. War echt ein feines Stück Vorstiegklettern, was er da hingelegt hat, und es war ja noch net vorbei. Vom Stand übernimmt er wieder den Vorstieg und knackt noch eine letzte 7+ Passage, bevor er ganz oben ankommt. Ich hieve meinen Kadaver noch hinterher, und dann stehn wir beide oben und genießen die Aussicht in den trüben Nebel. Hat sich nix geändert während der ganzen Kletterei.
Wir packen unsere Sachen zusammen und beginnen mit dem Abstieg. Wir überlegen nichtmal, ob wir über die Route abseilen sollen, da es eh einen Wanderweg gibt, der wieder nach unten zum Einstieg führt. Also joggen wir los, halten uns bei den diversen Abzweigungen immer rechts, da wir vermuten dass wir so in einem Bogen zum Wandfuß zurückkommen werden. Im Nebel schaut halt alles irgendwie gleich und trotzdem neu aus. Nach einiger Zeit – ohne Uhren wissen wirs nicht so genau – kommen wir aus dem Wald auf eine Wiese. Jetzt werden wir stutzig, weil das war net so geplant, dass wir eine Wiese kreuzen sollen. Mitten durch die Wiese führt ein Schotterweg, und eine Orientierungstafel gibt’s auch. Super, denk ich mir, jetzt wissen wir fix wo wir sind. Aber die Tafel zeigt uns nur den Weg nach Mixnitz, wo wir ja nichts verloren haben, weil wir zum Rucksack vom Houns müssen. Und der liegt ja beim Einstieg der Kletterroute, am Wandboden. Dort ist nämlich sein Handy und sein Autoschlüssel drin. Ich sag noch: na ja dann gemma halt nach Mixnitz und wir fahren mit meinem Auto zu deinem, und gehen von dort zu Fuß. Aber mitten im Satz fällt mir schon ein, dass ich meinen Schlüssel im Auto vom Houns gelassen hab. Tolle Idee!
Also folgen wir mal dem Schotterweg, der uns zielgenau zu einer Umkehrstelle für Forstfahrzeuge, mit anschließender Felsklippe, führt. Dead end. Wir gehen weiter durch den Wald, und behalten die Richtung vom Schotterweg mehr oder weniger bei, die fühlt sich irgendwie richtig an. Das geht gut bis wir an der Kante der nächsten Felsklippe stehn. Aber wir wollen runter, weil wir das Gefühl nicht loswerden, dass uns die Zeit sonst knapp werden könnte. Also legen wir das Seil um einen Baum und seilen uns über die Klippe ab. Ich mach das lehrbuchmäßig mit Prusikknoten, was im Endeffekt supermühsam und komplett unnötig ist, weil sich der Knoten ständig ums Seil dreht und nicht bremst sondern blockiert. Ausserdem ist die Bremswirkung vom Tuber auch ohne Prusik ausreichend.
Es folgen noch zwei weitere Abseilpassagen (die ohne Prusik viel mehr Abseilspaß bieten) und unbekannte Zeit durch-den-Wald-rennen, bis wir endlich eine Forststraße erreichen. Diesmal erraten wir die richtige Richtung, und nach der ersten Kehre sehen wir unten im Tal – die Sicht hier herunten ist zum Glück besser als oben – ein paar Häuser, die zu Mixnitz gehören. Na fein, jetzt müssen wir nur mehr runterkommen. Dann werden wir beim ersten Haus anläuten und die bitten, dass sie uns zum Auto vom Houns bringen, und von dort gehen wir zum Rucksack und dann hamma alles wieder beinand. Eine Taschenlampe sollten wir uns auch noch ausborgen.
Gesagt getan, mit Anbruch der Dämmerung sitzen wir im Auto von einem sehr freundlichen und ebenso schweigsamen Herren, der uns zum Parkplatz im Wald chauffiert. Unsere Klettersachen und meinen Rucksack lassen wir bei ihm im Hof. Beim Parkplatz packen wir seine nagelneue Taschenlampe aus, bei der allerdings die mitgelieferten Batterien sofort hinüber sind. Also ohne Licht da rauf? Es ist schon ziemlich düster, also können wir den Herrn überreden, dass er uns noch weiter führt, bis wir den Fußweg erreichen, der vom Forstweg abzweigt. Im Halbfinstern verpassen wir den Fußweg zuerst und fahren zu weit. Der Forstweg wird immer ruckeliger, die Bodenplatte des Autos kriegt immer wieder Steinbrocken ab, und uns wird schon a bissl mulmig. Bei einem Wendeplatz ist wieder mal Sackgasse, wir wollen umdrehn. Plötzlich fährt unser Chauffeur im hohen Gras auf einen fetten Felsbrocken, sodass gar nichts mehr geht. Wir steigen aus und schaun uns den Schlamassel an, und Houns und ich denken uns, jetzt wird er uns beide hamdrahn. Oder zumindest ein leises „Scheisse“ wird sich über seine Lippen schleichen. Aber nichts dergleichen, er sagt „Na dann hemma hoit des Auto hoch“, packt an, und schon ist der Felsbrocken kein Thema mehr. Selbst dass die Schürze verbogen ist, scheint ihn nicht weiter zu stören – ich mein der Wagen war eh mindestens 15 Jahre alt, aber trotzdem...
Beim Zurückfahren finden wir endlich den Fußweg und verabschieden uns, nicht ohne uns herzlich zu bedanken und uns für die Unannehmlichkeiten zu entschuldigen. Er sagt, passt scho, und nimmt auch das Angebot vom Houns, den Schaden über die Versicherung zu klären, nicht an. Ein Wahnsinn der Typ, von mir kriegt er sicher mal einen Orden!
Weiter geht’s, mittlerweile ist es mehr als nur halbdunkel. Meine Kondition lässt mich immer mehr im Stich, während Houns den Berg raufjoggt, kann ich nur mehr im Schnell-Geh-Modus hinterherschurln. Bei einer Kreuzung warten wir zusammen und beschließen, dass Houns allein weitergeht, damit wir nicht noch mehr Zeit verlieren. Ich bin einverstanden, sehe die Sinnlosigkeit eines Widerspruchs aus falschem Stolz. Ausserdem taugt mir die Vorstellung, dass ich jetzt ohne Uhr, ohne Licht und völlig allein im Wald sitz und Zeit zum Denken hab. Als erstes denk ich natürlich nach, was wir alles falsch gemacht haben: kein Handy, keine Uhr, keine Autoschlüssel, keine Stirnlampen. Diese vier Faktoren haben uns heut in diese Situation gebracht. Natürlich wäre eine GPS Ausrüstung in diesem Nebel auch von Vorteil gewesen, aber das wäre doch übertrieben. Ich mach mir kurz Sorgen, weil mein Mädl zuhause keine Ahnung hat, was mit uns los ist, und mich sicher schon angerufen hat. Eigentlich wollte ich um sechs in Wien sein, und laut der Uhr im Auto unseres Helfers muss es jetzt ca. halb sieben sein. Ich versuche ihr telepathisch zu übermitteln, dass es mir gut geht, bekomme aber keine Empfangsbestätigung. Dann fällt mir noch ein, dass die letzte falsche Entscheidung die war, meinen Rucksack nicht mitzunehmen. Dort wären meine Clint Eastwood Style Überall-Zünder drin gewesen, damit hätten wir uns Fackeln machen können, wenn wir schon keine Lampen haben. Also ein weiterer Punkt auf meiner Liste der Don’ts für zukünftige Abenteuer, die eigentlich keine werden sollten...
Irgendwann hör ich den Houns rufen, und er kommt erfolgreich von der Rucksack Rückholaktion zurück. Bei ihm wars auch lustig, im Finstern durch den Wald rennen hatte schon was für sich. Er hat einen Typen getroffen, der auch seinen Rucksack geholt hat, und eigentlich bei mir vorbeikommen hätte müssen. Aber ich bin direkt am Weg gesessen und hab niemanden gesehen. Ziemlich mysteriös das Ganze. Aber wichtig ist, dass wir jetzt wieder Alles beisammen haben. Nach ein paar Minuten sind wir wieder am Forstweg und stapfen in mittlerweile völliger Finsternis in Richtung Auto. Houns bekommt für seinen Alleingang von mir den Titel „Teufelskerl“ und die Tapferkeitsmedaille sowieso. Wir kommen überein, dass wir beide mit unseren Orientierungskünsten keine guten Indianer gewesen wären, und freuen uns über das unerwartete und doch geniale Abenteuer, das uns dieser Tag beschert hat.
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